Wir sind auf der Middle East Rail 2024 in Abu Dhabi, German Pavilion, Stand D50-F - 30.04.-01.05.2024
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Infrastrukturprojekte in der Golfregion: Wie die Bahn den Nahen Osten verbindet

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Susanne Stock

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Die Bahn verbindet. Mal Städte, mal Länder – und mal ganze Regionen. Auch im Nahen Osten zeigt sich, dass nachhaltige Mobilität auf der Schiene angekommen ist: Saudi-Arabien, Kuwait, Bahrain, Katar, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und Oman setzen auf die Eisenbahn. Noch nie gab es so viele Bahninfrastrukturprojekte in der Region wie heute, sowohl im Güter- als auch im Personenverkehr. In diesem Artikel gehen wir auf ausgewählte Projekte näher ein. Kommen Sie mit auf eine zukunftsträchtige Reise in den Nahen Osten!

Die Staaten des Golfkooperationsrats (GCC) haben sich zum Aufbau eines umfassenden Eisenbahnnetzes verpflichtet. Die Gulf Railway, auch GCC Railways genannt, soll Bahrain, Katar, Kuwait, Oman, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate auf einer Gesamtlänge von mehr als 2.100 Kilometern verbinden. Die Kosten werden auf 100 bis 125 Milliarden US-Dollar geschätzt. Das Eisenbahnnetz soll die Transportströme der Golfstaaten miteinander verbinden, die wirtschaftliche Entwicklung fördern und CO2 Emissionen verringern. Für die Entwicklung der Infrastruktur und den Bau ist jeder Mitgliedsstaat selbst verantwortlich.

Ein Überblick über das geplante Schienennetz:

Werfen wir einen Blick auf einige der Großprojekte im Rahmen der GCC Railways. Kernstück ist Etihad Rail in den Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), ein 11 Mrd. USD Projekt für Güter- und Personenverkehr.

Etihad Rail: Bahnnetz in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE)

Rund 900 Kilometer Schienennetz umfasst das Streckennetz der Etihad Rail. Es wurde in drei Bauabschnitten errichtet:

  • Abschnitt 1: Seit 2016 besteht die Güterverkehrsstrecke vom Hafen Ruwais bis Schah (rund 260 Kilometer). Sie dient der Erschließung der Gasvorkommen. . Monatlich werden durchschnittlich 410.000 Tonnen Schwefel transportiert. Durch die Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene kann der CO₂-Ausstoß um 70 bis 80 Prozent reduziert werden. Der Transport von Massengütern auf der Schiene ist zudem ungleich effizienter und wirtschaftlicher als auf der Straße​. ​​Für die Infrastruktur ist DB International zuständig. Betreiber ist die Etihad Rail DB Operations LLC, ein Joint Venture von DB Cargo und Etihad Rail.
  • Abschnitt 2: Dieser Bauabschnitt wurde 2020 begonnen. Er verbindet den Westen und den Osten des Landes und führt durch alle sieben Emirate. Die Strecke startet in Ghuwaifat und führt über insgesamt rund 600 Kilometer nach Fudschaira. Am Bau beteiligt war unter anderem die China Railway Construction Corporation Ltd.. Das spiegelt auch die starken Investitionen des Reichs der Mitte in der Golfregion wider. 
  • Abschnitt 3: Der letzte Bauabschnitt bedient auf rund 280 Kilometern den Norden des Landes, wodurch Ras al Khaimah, Saqr und Khor Fakkan an das Schienennetz angebunden werden.

2023 wurde das erweiterte Netz für den Güterverkehr in Betrieb genommen Es verbindet jetzt alle wichtigen Häfen und Güterverkehrszentren des Landes sowie die Nachbarstaaten Saudi Arabien und Oman.

Durch diese durchgehende Bahnverbindung verkürzen sich die Fahrzeiten im Vergleich mit den Reisezeiten auf der Straße um bis zu 40 Prozent. Die Fahrzeit von Abu Dhabi nach Dubai beträgt nur noch 50 Minuten. Es wird erwartet, dass jährlich etwa 16 Millionen Passagiere und 50 Millionen Tonnen Fracht befördert werden. Einsparpotenzial: ca. 8,2 Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr! 

Hafeet Rail: Von den Vereinigten Arabischen Emiraten in den Oman

Ein weiteres länderübergreifendes Projekt wird die Eisenbahnverbindung zwischen den Vereinigten Arabischen Emiraten und Oman. Das 303 Kilometer lange Schienennetz wird den Hafen von Sohar im Sultanat Oman mit dem nationalen Eisenbahnnetz der VAE in Abu Dhabi verbinden. Von dort aus bestehen Verbindungen in alle sieben Emirate der VAE bis zur Grenze des Königreichs Saudi-Arabien.

Dieses historische Projekt zielt darauf ab, den grenzüberschreitenden Handel zu erleichtern und die Lieferketten effizienter zu gestalten. Durch die Verbindung von Handelshäfen, Industriezentren und Wirtschaftszonen steigt die wirtschaftliche und soziale Konnektivität zwischen den beiden Ländern. Dadurch sollen die Expansion verschiedener Industriesektoren und des Tourismus verbessert werden.

Um einen schnelleren und sichereren Personen- und Güterverkehr zu gewährleisten, wird Hafeet Rail ein Höchstmaß an Effizienz und Sicherheit in Übereinstimmung mit internationalen Standards und bewährten Verfahren bieten. Die Züge werden mit dem Europäischen Zugsicherungssystem (ETCS) Level 2 ausgestattet, dem weltweit fortschrittlichsten System seiner Art. Planung, Bau und Integration erfolgen über ein Konsortium von Siemens Mobility und Hassan Allam Construction.

Die Personenzüge sollen durch eine Höchstgeschwindigkeit von 200 km/h die Reisezeit von Sohar nach Abu Dhabi auf 1 Stunde und 40 Minuten und von Sohar nach Al Ain auf 47 Minuten verkürzen. Die Güterzüge werden bis zu 120 km/h schnell sein. Betreiber von Hafeet Rail ist ein Joint Venture aus Etihad Rail, Oman Rail und der Mubadala Investment Company. Die Kosten des Projekts werden auf 3 Milliarden US-Dollar geschätzt.

Per Highspeed von Kuwait nach Riad

Zwischen Saudi-Arabien und Kuwait soll bis 2028 eine Hochgeschwindigkeits-Eisenbahnlinie entstehen. Dieses ehrgeizige Projekt mit einer Länge von 650 Kilometern wird eine schnelle Bahnverbindung zwischen den beiden Hauptstädten Riad und Kuwait City schaffen und die Reisezeit auf nur zwei Stunden verkürzen.

Die Strecken werden mit der Gulf States Railway verbunden sein und den Personenverkehr von Kuwait-Stadt nach Dammam in Saudi-Arabien mit Geschwindigkeiten von bis zu 225 Kilometern pro Stunde ermöglichen. Der Bau der Strecke soll 2025 beginnen und in nur drei Jahren abgeschlossen sein.

Das Projekt ist nicht das einzige Eisenbahnvorhaben im Land: Das Kuwait National Rail Road System (KNRR) wird ein integriertes Schienennetz mit insgesamt 511 Kilometern zweigleisiger Streckenlänge sein. Es ist sowohl für den Güter- als auch für den Personenverkehr vorgesehen. Auf den Regionalstrecken wird eine Geschwindigkeit von 120 km/h und auf den Hochgeschwindigkeitsstrecken von 200 km/h erreicht.

King Hamad Causeway: Von Bahrain nach Saudi-Arabien

Das Neubauprojekt wird Bahrain und Saudi-Arabien durch einen parallelen Damm zum bereits bestehenden King Fahd Causeway verbinden. Die derzeitige Strecke ist mit über 10 Millionen Reisenden pro Jahr stark überlastet.

Die 57 Kilometer lange Eisenbahnstrecke wird den zukünftigen internationalen Bahnhof King Hamad in Ramli mit dem Bahnhof Dammam in Saudi-Arabien verknüpfen.

Der Bahnhof Dammam wird an alle nationalen Eisenbahnlinien in Saudi-Arabien angeschlossen sein. Das Passagierterminal des King Hamad International Bahnhofs in Ramli wird über das geplante U-Bahn-Netz von Bahrain mit dem internationalen Flughafen von Bahrain und weiteren Geschäfts- und Wohngebieten verbunden.

Luxus in Saudi-Arabiens „Dream of the Desert“

In Saudi-Arabien, dem mit Abstand größten Golfstaat, gibt es eine Reihe von Infrastrukturprojekten, die einen eigenen Artikel wert wären. Überlassen wir das anderen, zu beschreiben, wie der mit Abstand größte Golfstaat sein Schienennetz verdreifachen wird und stellen stattdessen ein Projekt der ganz anderen Art vor: Den „Dream of the Desert“. 

Im März 2023 unterzeichnete Saudi Arabia Railways ein Memorandum of Understanding mit der italienischen Arsenale Group, um den ersten Luxuszug der Region zu starten. Der Zug wird aus 40 edlen Kabinen bestehen und ab 2025 eine Reise von der Hauptstadt Riad nach Qurayyat anbieten. Die Investition liegt bei über 51 Millionen US-Dollar. Ein beeindruckendes Projekt!

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Warum fasst die Bahn endlich im Nahen Osten Fuß?

Die wachsende Bedeutung der Schiene ist im Zusammenhang mit der beeindruckenden wirtschaftlichen Entwicklung der letzten 15 bis 20 Jahre zu sehen. Die Länder des nahen und mittleren Ostens bereiten sich auf die Zeit vor, in der die Verbrennung von Öl und Gas weitgehend aus den großen Volkswirtschaften der Erde verbannt sein wird. 

Es geht darum, die eigene Wirtschaft zu entwickeln, an den globalen Transportströmen teilzunehmen und lokale Wertschöpfung zu schaffen. Und natürlich geht es um die Bewahrung einer lebenswerten, nachhaltigeren Umwelt ohne weitere Erderwärmung. 

Dabei stehen nicht nur der Fernverkehr und die Verbindung der einzelnen Länder im Vordergrund. Neben neuen Hochgeschwindigkeitsstrecken spielt auch der öffentliche Personennahverkehr eine Rolle. Zu den neuen U-Bahn-Projekten gehören potenzielle neue Linien in Muscat, Abu Dhabi und Kuwait sowie Erweiterungen der bestehenden U-Bahn-Netze in Dubai, Riad und Doha.

Was die Umwelt betrifft, so sind die Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln in Dubai seit der Einführung der Metro von 2 Prozent auf 14 Prozent gestiegen, wodurch unzählige Autofahrten auf den stark befahrenen Straßen der Stadt vermieden wurden.

Die Bahn verbindet: Externes Know-how spielt eine große Rolle

Die Bahnindustrie kann auf beeindruckende Referenzen verweisen. Weltweit gibt es eine etablierte Produktlinie von Straßenbahnen, U-Bahnen und Hochgeschwindigkeitszügen, die ein umfassendes Ökosystem bildet – von der Planung über das Projektmanagement bis hin zu Betrieb und Wartung. Der Einsatz bewährter Technologien ermöglicht die nahtlose Integration verschiedener Netze, was besonders bei der Entwicklung regionaler Infrastrukturen von großer Bedeutung ist.

Daher setzen viele der Golfstaaten bei ihren Eisenbahnprojekten auf globales Know-how. Es kommt zu einem guten Teil aus Europa. Aus Deutschland sind neben der Deutschen Bahn und Siemens alle wesentlichen Zulieferer vertreten. Außerdem sind die Französische Bahn SNCF mit ihrem Consulting-Arm SYSTRA, Alstom, die spanische RenFE sowie die italienische FSI Gruppe involviert.

Weiterhin achten die Golfstaaten darauf, dass ihre Investitionen zukunftsfähig sind. Dafür verwenden sie State-of-the-Art-Technologien. So setzen z.B. Etihad Rail oder Saudi Arabia Rail in ihren Projekten bei der Signalisierung und Zugsteuerung ausschließlich auf ETCS Level II und sind damit schon deutlich weiter als die Bahnen in Europa. 

Eisenbahn im Nahen Osten: Herausforderungen beim Bau

Zu den Herausforderungen beim Bau gehören der sandige Untergrund sowie Hochgebirge. Durch die Hitze bedingt erfolgen die Bauarbeiten teilweise nachts, um Arbeiter und Materialien vor den extremen Temperaturen zu schützen. Die besondere Topografie der Region verlangt den Ingenieuren einiges ab: In Gebirgsregionen müssen Tunnel und Viadukte gebaut werden, während in Wüstengebieten der lockere Sandboden stabilisiert werden muss.

Auch die verwendeten Materialien müssen auf die extremen klimatischen Bedingungen abgestimmt werden. Schienen und Bauelemente müssen Temperaturschwankungen von bis zu 40 °C standhalten können, ohne an Stabilität zu verlieren. Zudem ist der Korrosionsschutz ein großes Thema, da salzhaltige Luft und Sandstürme die Materialien stark beanspruchen können.

Die logistische Herausforderung ist ebenfalls nicht zu unterschätzen. Die Lieferung von Baumaterialien und schwerem Gerät in abgelegene Wüsten- und Bergregionen  erfordert sorgfältige Planung und Koordination. Häufig müssen provisorische Straßen und Versorgungswege angelegt werden, um den Baufortschritt zu gewährleisten.

Trotz dieser Herausforderungen treiben die Golfstaaten ihre ambitionierten Eisenbahnprojekte mit Nachdruck voran. Diese Projekte sind nicht nur ein technischer Triumph, sondern auch ein wichtiger Schritt zur nachhaltigen Mobilität und zur Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung in der Region.

Die Bahnprojekte im Nahen Osten sind ambitioniert und zukunftsweisend. Sie zeigen, wie nachhaltige Mobilität in einer der herausforderndsten Regionen der Welt umgesetzt werden kann. Die Bahn verbindet – und das zunehmend auch im Nahen Osten.