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Faszination Rail Baltica: Wie Europa auf der Schiene zusammenwächst

Susanne Stock

Susanne Stock

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Rail Baltica ist zweifellos derzeit das fesselndste Eisenbahn-Neubauprojekt Europas – mit weitreichenden Auswirkungen auf die baltischen Staaten und den ganzen Kontinent. Die Hochgeschwindigkeitsstrecke wird nicht nur die Konnektivität verbessern, sondern auf die Nachhaltigkeit einzahlen und tausende Arbeitsplätze schaffen. Ihr Bau markiert eine historische Wende für die baltischen Staaten und unterstreicht ihre Verbindung mit Europa. In diesem Artikel werden wir Rail Baltica genauer unter die Lupe nehmen und ihre symbolische Bedeutung sowie ihre technischen und ökologischen Aspekte beleuchten.

Rail Baltica im Überblick

870 Kilometer für eine bessere europäische Verbindung

Auf einer Gesamtlänge von 870 Kilometern ermöglicht Rail Baltica eine nahtlose Verbindung zwischen Finnland, Estland, Lettland, Litauen und Polen mit dem mitteleuropäischen Bahnnetz. Die zweigleisige Strecke wird vollständig elektrifiziert sein – damit ist Rail Baltica das größte grenzüberschreitende Eisenbahn-Elektrifizierungsprojekt in Europa, das in einem einzigen Projekt durchgeführt wird.

Durch den Ausbau der Hochgeschwindigkeitsstrecke wird der Wirtschaftskorridor in Nordosteuropa gestärkt: Die Strecke erweitert auch den Nord-Ostsee-Korridor der EU, der Rotterdam, Berlin und Warschau miteinander verbindet. Nach jahrzehntelanger Planung soll die Fertigstellung im Jahr 2026 erfolgen.

Rail Baltica wird auf europäischer Normalspurweite (1435 mm) gebaut – das ist wichtig zu wissen, denn in den baltischen Ländern werden als Relikt aus Sowjet-Zeiten vorwiegend breitere Spuren (Russische Breitspur 1520 mm) verwendet. Die europaweite Vereinheitlichung der Spurweiten, die die EU-Kommission in ihrer Verordnung für die transeuropäischen Verkehrsnetze (TEN-V) vorsieht, wurde in Finnland, Estland und Litauen bislang kritisch gesehen, da sie mit hohen Kosten verbunden ist. Rail Baltica kann also auch diese Herausforderung lösen.

Unterschiedliche Spurweiten sind nur eine Herausforderung im grenzüberschreitenden Bahnverkehr. In diesem Artikel erfahren Sie, welche Aspekte die Interoperabilität außerdem betreffen.

Von Estland nach Polen in Rekordzeit: Drastisch verkürzte Reisedauer

Die Gesamtlänge von Rail Baltica verteilt sich auf 392 km in Litauen, 265 km in Lettland und 213 km in Estland.

Die Bahnlinie beginnt in Tallinn und erstreckt sich über Pärnu, Rīga, Panevėžys und Kaunas bis zur litauisch-polnischen Grenze. Von Kaunas aus wird es auch eine Verbindung nach Vilnius geben. Die Züge werden eine Höchstgeschwindigkeit von 234 km/h erreichen. Die Reisezeit von Litauens Hauptstadt nach Estland wird sich durch diese neue Strecke von sieben Stunden auf drei Stunden und 38 Minuten halbieren. Von Vilnius aus erreicht man die polnische Hauptstadt in etwas mehr als vier Stunden.

Neue Ära der Mobilität: Schnell, häufig, erschwinglich

Rail Baltica wird eine schnelle Zugverbindung zwischen den baltischen Hauptstädten alle zwei Stunden bieten. Es werden viermal täglich Hochgeschwindigkeitszüge von Tallinn nach Warschau und Vilnius verkehren. Auf der Route Vilnius-Kaunas-Warschau werden bis zu zehn Züge pro Tag fahren. Hinzu kommen zwei Nachtzüge auf den Strecken Tallinn-Riga-Kaunas-Warschau-Berlin und Vilnius-Kaunas-Warschau-Berlin.

Auch Reisende vom Riga International Airport profitiert von einer besseren Verbindung: Mindestens alle 30 Minuten fährt ein Zug, der sie in nur zehn Minuten von der Riga Central Station zum Flughafen bringt.

Die Bahnstrecke verspricht nicht nur eine Zeitersparnis, sondern ist auch erschwinglich: Lediglich mit dem Reisebus sind die Fahrten günstiger – der dauert aber auch um einiges länger, wie die nachstehende Grafik zeigt:

Leuchtturmprojekt für nachhaltigen Bahnverkehr: Rail Baltica setzt neue Standards

Die neue Hochgeschwindigkeitsstrecke setzt neue Maßstäbe im Hinblick auf ökologische Aspekte. Ganz abgesehen davon, dass die Eisenbahn ohnehin das umweltfreundlichste Massenverkehrsmittel ist, spielt die Nachhaltigkeit schon bei der Planung und beim Bau von Rail Baltica eine besonders große Rolle.

Die Hintergründe dazu erklärte Emilien Dang, Chief Technical Officer des Joint Ventures RB Rail AS, im Dezember 2023 auf der UN-Klimakonferenz COP28 in Dubai.

Während der Podiumsdiskussion „Rail Baltica Project as a Catalyst for Sustainable Transport Future“ betonte er, dass Rail Baltica von Anfang an klimabezogene Überlegungen in den Lebenszyklus des Projekts einbezogen hat. Der Design Guide, der den Ausschreibungen zugrunde liegt, schreibt Haltbarkeiten von bis zu 100 Jahren vor. Für Gleise, Schienen, Schwellen, Weichen und Befestigungssysteme werden 50 Jahre  angesetzt, für Signaltechnik, Telekommunikation und Überwachungs- und Leittechnik (SCADA) 30 Jahre.

Die Energie zum Betrieb der Hochgeschwindigkeitszüge soll aus erneuerbaren Quellen stammen und zudem so effizient wie möglich genutzt werden.

Damit verbunden ist eine erhebliche Reduzierung der CO2-Emissionen: Bis zum Jahr 2030 sollen über 150.000 Tonnen CO2 pro Jahr eingespart werden, bis 2050 sogar über 400.000 Tonnen CO2 pro Jahr.

All diese Maßnahmen tragen dazu bei, die Umweltbelastung zu verringern und eine nachhaltige Verkehrszukunft zu schaffen.

Rail Baltica: Eine technologische Meisterleistung

Bei einem Megaprojekt wie diesem hagelt es Superlative. Es werden bis zu 2400 Kilometer Einzelgleis-Fahrleitung installiert, für die 4350 Tonnen Kupferdraht und 50.000 Fahrleitungsmasten benötigt werden. Mindestens 10 Umspannwerke sind erforderlich, um den Fahrbetrieb mit Strom zu versorgen.

Technisch ist bei einem solchen Projekt natürlich alles State-of-the-Art. Das Signalsystem wird z.B. auf ERTMS 2 oder 3 basieren. Züge ohne ERTMS an Bord werden erst gar nicht eingeplant. Auch hier plant die Projektgesellschaft RB Rail AS mit Weitsicht: Gemäß den Plänen der EU soll ERTMS bis Ende 2040 im gesamten TEN-V-Streckennetz verpflichtend sein.

Derzeit sind drei Konsortien im Rennen um die Vergabe des Auftrags zur Elektrifizierung der Hochgeschwindigkeitsbahnstrecke:

  • COBELEC Rail Baltica, bestehend aus Cobra Instalaciones y Servicios und Elecnor Servicios y Proyectos (Spanien)
  • Alstom – BMGS – GE – Torpol, bestehend aus BMGS, Bombardier Transportation Baltics, Alstom Transport, GE Energy Power Conversion France, Torpol (Lettland, Frankreich und Polen)
  • STC Baltic Electrification, bestehend aus Colas Rail, Siemens Mobility GmbH, Siemens Mobility Oy Latvijas filiāle, TSO SAS (Frankreich, Deutschland und Lettland)

Digitale Infrastruktur und Sensor-Technologien

Rail Baltica wird auf digitale Infrastruktur setzen, um die Konnektivität zu verbessern. In seinem Vortrag „Connected Europe, Connected Railways: How Rail Baltica is Leading the Way in Digitalisation“ gibt Andy Billington, Experte für Innovation und Nachhaltigkeit bei RB Rail AS, einen Einblick in die Digitalisierungs- und Innovationslösungen.

Dazu gehört auch der Einsatz von Sensortechnologien zur Überwachung der Infrastruktur und des Zugverkehrs. Die Integration und Standardisierung dieser Daten wird eine entscheidende Rolle spielen, um das volle Potenzial von Rail Baltica auszuschöpfen. Um Abweichungen von der Norm zu erkennen und eine vorausschauende Wartung zu ermöglichen, sollen Machine Learning-Algorithmen eingesetzt werden.

EU-finanziertes Großprojekt: Wirtschaftlicher Nutzen von Rail Baltica

Die geschätzten Kosten für Rail Baltica betragen 5,8 Milliarden Euro. Die Kosten-Nutzen-Analyse verspricht jedoch einen quantifizierbaren Nutzen von bis zu 16,2 Milliarden Euro. Die EU finanziert bis zu 85 Prozent dieses Vorhabens aus ihrem „Connecting Europe Facility“ (CEF) Fonds. Dieses Projekt wird nicht nur die wirtschaftliche Entwicklung fördern, sondern auch tausende direkte und indirekte Arbeitsplätze schaffen:

Durch den Bau der Strecke sollen 13.000 direkte Vollzeitarbeitsplätze und weitere 24.000 indirekte Arbeitsplätze entstehen.

Allein auf dem Abschnitt von Kaunas bis zur polnischen Grenze sollen 116 neue Bauwerke errichtet werden, die für die künftige Eisenbahninfrastruktur erforderlich sind – darunter Bahnhöfe, Tunnel, Brücken und Überführungen. Eines der komplexesten Bauwerke des Projekts ist die Brücke über den Fluss Neris.

Mit einer Länge von fast 1.510 Metern und einer Höhe von 40 Metern wird die Brücke die längste in den baltischen Staaten sein.

Foto: Rizzani de Eccher’s

Eine besondere Herausforderung besteht darin, dass die Brücke über ein Naturschutzgebiet führt. Daher dürfen die Brückenpfeiler nicht im Wasser stehen. Zugleich müssen die Bauarbeiten außerhalb der Fischwanderungs- und Laichzeiten erfolgen.

Rail Baltica: Ein Bahninfrastrukturprojekt mit Symbolcharakter

Seit der Erlangung ihrer Unabhängigkeit in den 1990er Jahren haben sich die baltischen Staaten stetig auf Brüssel zubewegt. Seit 2004 sind sie Mitglied der NATO und der EU. Die baltischen Staaten haben sich darauf geeinigt, sich bis 2025 vollständig vom russischen Stromnetz zu befreien und sich mit den europäischen Netzen zu synchronisieren. Dieses Vorhaben spiegelt die Entschlossenheit der Region wider, ihre Energieabhängigkeit zu verringern und ihre Integration in Europa weiter voranzutreiben.

Rail Baltica symbolisiert nun eine neue Ära der Zugehörigkeit und des Handels innerhalb Europas. Sie unterstreicht den Willen der baltischen Staaten, ihre Souveränität zu wahren und sich als integraler Teil des europäischen Projekts zu etablieren.

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