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Von Locomotion No. 1 zur Digitalisierung: Wie die britische Bahn ihre Zukunft gestaltet

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Von Locomotion No. 1 zur Digitalisierung: Wie die britische Bahn ihre Zukunft gestaltet

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Susanne Stock-Jakobsen

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Die Geschichte der Eisenbahn ist untrennbar mit dem Vereinigten Königreich verbunden. Als George Stephenson 1825 mit der Locomotion No. 1 die erste öffentliche Dampfeisenbahn der Welt in Betrieb nahm, begann eine neue Ära der Mobilität. 200 Jahre später steht die britische Bahn erneut an einem Wendepunkt. Mit der schrittweisen Verstaatlichung und der konsequenten Digitalisierung des Netzes erlebt sie den größten strukturellen und technologischen Wandel seit dem viktorianischen Zeitalter. Großbritannien baut sein Schienennetz nicht nur um: Es definiert die Beziehung zwischen Tradition, staatlicher Steuerung und digitaler Hochtechnologie völlig neu. Was damals mit Dampf begann, wird heute mit Daten vorangetrieben. 

Die britische Bahn zwischen Geschichte und Modernisierungsdruck 

Der 27. September 1825 war ein historischer Tag. Im Stockton im Nordosten Englands setzte sich die Locomotion No. 1 in Bewegung und fuhr über Darlington nach Shildon. Die 38 Wagen waren beladen mit Kohle und Weizen und – noch viel wichtiger – rund 600 Passagieren. Was für uns heute normal klingt, war damals weltweit die erste öffentliche Fahrt einer Dampfeisenbahn.  

Ihr Ingenieur George Stephenson gilt seither als Hauptbegründer des Eisenbahnwesens. Seine Entwicklungen revolutionierten nicht nur das Reisen, sondern ermöglichten auch den sicheren Transport von Gütern über weite Strecken. Letzteres hat die Industrialisierung maßgeblich angetrieben.  

Wenige Jahre später setzte Isambard Kingdom Brunel mit der Great Western Railway (GWR) neue Maßstäbe. Seine Vision einer „Highspeed-Strecke“ des 19. Jahrhunderts umfasste den Bau monumentaler Strukturen wie der Maidenhead Railway Bridge und des zwei Meilen langen Box Tunnels, die noch immer im Einsatz sind.  

Doch genau dieses Erbe bringt auch strukturelle Herausforderungen mit sich. Viele Strecken wurden für völlig andere Anforderungen konzipiert als die heutigen. Die Züge sind schwerer, fahren häufiger und unterliegen höheren Sicherheits- und Zuverlässigkeitsstandards.  

Zudem wurde die britische Bahninfrastruktur ohne zentrale Standards gebaut. Das Ergebnis ist ein dichtes, aber hochkomplexes Netz mit engen Lichtraumprofilen. Viele Tunnel und Brücken sind zu niedrig für moderne Oberleitungen. Das stellt heute die Einführung moderner Standardzüge und flächendeckender Elektrifizierung vor enorme Herausforderungen. Wartung, Modernisierung und Betrieb müssen weitgehend unter laufendem Verkehr erfolgen. Stillstände sind kaum möglich, vollständige Neubauten selten realistisch. 

Die strategischen Hauptachsen des britischen Eisenbahnnetzes 

Das britische Netz wird heute von drei Hauptachsen dominiert: 

  • West Coast Main Line (WCML): Die Linie von London Euston – Glasgow, über Birmingham, Manchester und Liverpool gehört zu den wichtigsten Mischverkehrsstrecke Europas. Mit jährlich rund 75 Millionen Fahrgästen und über 40 Prozent des gesamten britischen Schienengüterverkehrs gilt sie als „Arbeitspferd“ des Systems, das Personen‑ und Güterzüge im Minutentakt koordiniert.  
  • East Coast Main Line (ECML): Die historische Route des „Flying Scotsman” verbindet London King’s Cross mit Edinburgh und gilt als die schnelle Rennstrecke des Landes. Hier wird derzeit die Zukunft erprobt: Im Rahmen des East Coast Digital Programme entsteht auf dieser Achse die erste große digitale Fernverkehrsstrecke des Vereinigten Königreichs. 
  • Great Western Main Line (GWML): Sie verknüpft den Großraum London mit dem Südwesten mit Knoten wie Reading, Bristol, Cardiff und weiter bis nach Penzance. In den vergangenen Jahren wurde sie abschnittsweise elektrifiziert und mit moderner Leit‑ und Sicherungstechnik ausgerüstet. 

Privatisierung und Fragmentierung  

In den 1990er Jahren wurde die britische Eisenbahn grundlegend neu organisiert. Die damalige Regierung privatisierte große Teile des Systems mit dem Ziel, Wettbewerb zu fördern und Effizienz zu steigern. Infrastruktur, Betrieb und Fahrzeuge wurden voneinander getrennt und unterschiedlichen Organisationen zugewiesen. 

Die Folge: Eine komplexe Struktur mit zahlreichen Akteuren.  

Diese Fragmentierung erschwerte langfristige Planung und einheitliche Investitionsstrategien. Entscheidungen über Wartung, Modernisierung und Betrieb mussten über Organisationsgrenzen hinweg koordiniert werden. Gleichzeitig stiegen die Anforderungen an Zuverlässigkeit und Kapazität kontinuierlich. 

Es wurde zunehmend deutlich, dass eine stärkere Integration notwendig ist, um das System nachhaltig zu stabilisieren und weiterzuentwickeln. 

Hinzu kamen mehrere schwere Unfälle, die das Vertrauen in das fragmentierte System nachhaltig erschütterten. Insbesondere das Unglück in Hatfield im Jahr 2000 legte strukturelle Schwächen offen. Die Ursache war ein gebrochener Gleisabschnitt infolge von Materialermüdung. Dadurch geriet der privatwirtschaftliche Infrastrukturbetreiber Railtrack in die Kritik. Ihm wurden mangelnde technische Kontrolle, zu geringe Investitionen in Wartung zugunsten der Rendite sowie komplexe Subunternehmer-Strukturen vorgeworfen.  

Die Sicherheitsdebatte beschleunigte die politische Neubewertung des Systems. 2002 wurde Railtrack abgewickelt und durch das staatlich kontrollierte Network Rail ersetzt. Das war ein erster Schritt zurück zu stärkerer staatlicher Steuerung. 

Die Rückkehr zur Staatsbahn: Great British Railways 

Mit dem Beschluss des Passenger Railway Services (Public Ownership) Bill 2024-25 erfolgt derzeit die Kehrtwendung: Die Bahn wird schrittweise wieder verstaatlicht. Die Gründung von Great British Railways (GBR) schafft eine zentrale Dachorganisation geschaffen, die Infrastruktur, Fahrplanhoheit und den Rahmen für den Betrieb bündelt. GBR agiert als „Single Guiding Mind“ und koordiniert Tarifsystem, Qualitätsstandards und Investitionsprioritäten.  

Der Transfer privater Betreiber in öffentliche Hand erfolgt nach einem klaren Zeitplan: Mehrere große Netze wie South Western Railway, c2c, Greater Anglia und West Midlands Trains wurden bereits in staatliche Verantwortung überführt. Bis Ende 2027 sollen alle vom Verkehrsministerium kontrollierten Linien integriert sein.  

Neue Hochgeschwindigkeitsachsen: Strukturpolitik durch Neubau 

High Speed 1 (HS1) ist seit 2007 die erste vollständig neu gebaute Hochgeschwindigkeitsstrecke Großbritanniens. Sie verbindet London über Kent mit dem Kanaltunnel und erlaubt Geschwindigkeiten bis 300 km/h. Neben internationalen Verbindungen nach Paris, Brüssel und Amsterdam nutzen auch nationale Züge („Southeastern Highspeed“) die Strecke, die jährlich 9 bis 10 Millionen Fahrgäste befördern und die Reisezeiten zu Städten wie Ashford oder Canterbury um bis zu 50 % verkürzen. HS1 gilt als sehr zuverlässig und weniger störanfällig als das ältere Netz. 

Neben der Anbindung an das europäische Hochgeschwindigkeitsnetz erfüllt HS1 strategische Ziele: Sie entlastet konventionelle Strecken in Südostengland und bietet Kapazitätsreserven für Wachstum. HS1 dient außerdem als Referenzprojekt für moderne Hochgeschwindigkeitsinfrastruktur und als Erfahrungsbasis für neue Projekte wie High Speed 2 (HS2). 

High Speed 2 (HS2) befindet sich derzeit auf der Strecke zwischen London und den West Midlands (Birmingham) im Bau. Das Projekt ist umstritten. Infolge von Fehlplanungen und Widerständen von Anwohnern und Umweltschützern haben sich die Gesamtkosten von ursprünglich ca. 33 Mrd. £ auf potenziell über 80 Mrd. £ erhöht, obwohl die geplanten nördlichen Erweiterungen nach Manchester und Leeds bereits gestrichen wurden. Züge werden voraussichtlich nicht vor 2035 verkehren.  

Dennoch bleibt das Projekt strategisch bedeutsam: HS2 soll nicht primär Reisezeiten minimieren, sondern vor allem Kapazität im überlasteten Bestandsnetz freisetzen. Durch die Verlagerung schneller Fernverkehre auf die Neubaustrecke sollen insbesondere auf der West Coast Main Line zusätzliche Trassen für Regional- und Güterverkehr entstehen. 

Digital Railway: Mehr Kapazität ohne Neubau 

Weitreichende Neubauten sind in dicht besiedelten Gebieten teuer, langwierig und politisch sensibel. Die 2019 vorgestellte Digital Railway Strategy setzt deshalb auf digitale Leit‑ und Sicherungstechnik, um Kapazität, Pünktlichkeit und Sicherheit zu steigern, ohne überall neue Gleise oder Bahnsteige zu bauen.  

Die Strategie stützt sich auf vier technische Säulen: 

  • European Train Control System (ETCS): Überträgt Geschwindigkeits- und Fahrinformationen direkt in den Führerstand, reduziert Zugfolgezeiten und ersetzt schrittweise klassische Streckensignale. 
  • Traffic Management (TM): Optimiert Fahrpläne in Echtzeit, löst Konflikte und begrenzt die Auswirkung von Störungen. 
  • Intelligente Infrastruktur: Sensorik und Datenanalyse überwachen den Zustand von Gleisen, Weichen und Anlagen und ermöglichen eine vorausschauende Wartung. 

Der 2019 entwickelte Long Term Deployment Plan konkretisiert, wie und wo ETCS und digitale Stellwerkstechnik in mehreren Stufen ausgerollt werden sollen. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf Hauptachsen wie ECML, WCML, Midland Main Line und Great Western. 

East Coast Digital Programme: ETCS im Realbetrieb 

Als erstes großes Leuchtturmprojekt gilt das East Coast Digital Programme (ECDP). Auf der südlichen East Coast Main Line und angrenzenden Abschnitten wird derzeit die Signalisierung am Gleisrand durch digitale Signale im Führerstand ersetzt. Gleichzeitig werden Stellwerke modernisiert und Betriebsprozesse angepasst. 

Auf stark belasteten Engpassstrecken lassen sich so Kapazitätssteigerungen von bis zu rund 40 Prozent erzielen. Die Wartungskosten für die Signaltechnik sollen über den Lebenszyklus um etwa 15 bis 20 Prozent sinken, da verschleißanfällige Hardware an der Strecke wegfällt. 

ECTS-Testfahrten finden bereits auf Teilen der ECML und der angrenzenden Northern City Line statt. Ziel ist ein regulärer in‑Cab‑Signalling‑Betrieb. Network Rail sieht in diesem Programm einen Referenzfall für die Digitalisierung hochbelasteter Intercity‑Korridore – inklusive der notwendigen Schulungskonzepte, Betriebsregeln und Schnittstellen zur Fahrzeugindustrie. Der Anspruch: Digitales Signalling soll zum Standard werden, angefangen bei den Strecken, deren konventionelle Stellwerks‑ und Signalanlagen ohnehin das Ende ihrer Lebensdauer erreichen. 

Für die Branche ist besonders interessant, dass ECDP nicht auf dem Reißbrett stattfindet, sondern bei voller Auslastung: Die Strecke bleibt während der Umstellung ein zentraler Korridor für Fernverkehr, Pendlerzüge und Gütertransporte.  

Batteriezüge als Brückentechnologie zur Dekarbonisierung 

Trotz Fortschritten bei der Elektrifizierung bleibt ein Teil des britischen Netzes ohne Oberleitungen. Das betrifft insbesondere enge Tunnel oder Brücken. Aufweiten, abreißen, neu bauen – all das kostet Milliarden und erzeugt langjährige Sperrungen.  

Stattdessen setzt Großbritannien hier zunehmend auf Battery Electric Multiple Units (BEMUs): Hybridzüge, die ihre Batterien unter bestehenden Oberleitungen laden und nicht elektrifizierte Abschnitte im reinen Batteriebetrieb überbrücken.  

Erste Projekte in Schottland und Wales zeigten: Elektrifizierungskosten lassen sich im Vergleich zu klassischen Oberleitungsprojekten um bis zu rund 50 Prozent reduzieren, weil teure Tunnelumbauten entfallen.  

Diese Kombination aus Oberleitung und Batterie beweist sich hier als praktikable Alternative zum Vollausbau, die Dekarbonisierung, Bestandsschutz und Kostendisziplin zusammenführt.  

Technologisch werden die Bereiche rund um Tunnel zunehmend durch datengetriebene Infrastrukturüberwachung ergänzt: Network Rail setzt Sensorik, laserbasierte Vermessung und Luftinspektionen ein, um Einschnitte und Böschungen kontinuierlich zu überwachen. LiDAR-gestützte Systeme und Drohnen erzeugen hochauflösende 3D-Daten, die Bodenbewegungen frühzeitig sichtbar machen und eine präventive Stabilisierung gefährdeter Bereiche ermöglichen. Sensorbasierte Neigungsmesser und Echtzeit-Monitoring liefern zudem automatische Warnmeldungen, wenn sich Hangbewegungen abzeichnen. 

Tarifpolitik und Vertrauen: Der gesellschaftliche Faktor 

Trotz aller Technik bleibt die Frage: Wie nimmt man die Fahrgäste bei einem so tiefgreifenden Umbau mit? Großbritannien beantwortet sie mit einer Mischung aus politischem Signal und finanzieller Entlastung.  

Um den Übergang zu GBR zu unterstützen und Vertrauen zurückzugewinnen, plant die Regierung für 2026 einen Tarifstopp („Fare Freeze“). Regulierte Fahrpreise sollen für ein Jahr eingefroren werden. Damit können über eine Milliarde Fahrten preislich stabilisiert werden. 

Parallel sollen einfachere Tarifstrukturen, einheitliche Vertriebsoberflächen und verlässlichere Fahrpläne den Nutzen der Digitalisierung für die Fahrgäste erfahrbar machen. Das Ziel: Die Bahn wieder klar als öffentliches Rückgrat der Mobilität zu positionieren und die Interessen der Nutzer in den Vordergrund zu rücken. Denn Digitalisierung entfaltet ihre Wirkung erst dann voll, wenn sie für Fahrgäste in Form von pünktlicheren Zügen, stabileren Umstiegen und nachvollziehbaren Preisen spürbar wird.  

Die britische Bahn: Vom Pionier zum digitalen Vorreiter 

Die Herausforderung in Großbritannien betrifft weltweit viele Bahninfrastrukturen. Wie lässt sich eine historisch gewachsene Infrastruktur in ein modernes, leistungsfähiges und nachhaltiges System transformieren? 

Die britische Eisenbahn zeigt hier eine wegweisende Strategie auf. Mit der Gründung von Great British Railways, der umfassenden Digitalisierung und der Integration von Betrieb und Infrastruktur setzt sie auf einen grundlegenden Systemwechsel und kehrt gleichermaßen zu ihren strategischen Wurzeln zurück. 

200 Jahre nach der ersten Dampflok beginnt damit ein neues Kapitel. Doch heute treiben nicht mehr Dampf und Stahl den Fortschritt voran, sondern Daten und digitale Systeme. Großbritannien beweist damit, dass man kein völlig neues Netz bauen muss, um modern zu sein. Durch die Kombination aus politischer Neuausrichtung, digitaler Kapazitätssteigerung und pragmatischen Hybrid-Technologien transformiert das Königreich seine historische Infrastruktur in ein Hochleistungsnetz für das 21. Jahrhundert. 

Mit diesem Schritt könnte Großbritannien erneut eine Vorreiterrolle einnehmen. Allerdings dieses Mal nicht als Wiege der Eisenbahn, sondern als Modell für ihre digitale Zukunft. 

Zahlen und Fakten zur britischen Bahn (Quelle: Rail Trends 2025)